Sturmwarnung: Gedankentyp 7

catch-me poster

Woran erkennt man, dass ein Gedankentyp 7 psychisch „stürmt“? Man merkt es daran, wie sich innere Kurzschlüsse der Funktionen Denken, Fühlen und Handeln auf sein Verhalten auswirken. Diese Kurzschlussreaktionen bilden ein erkennbares Muster.

Wie alle neun Muster entstand es in der Kindheit als psychischer Schutzmechanismus und leistete dort fantastische Dienste. Sobald dieses Muster aber über den Kindheitsschutz hinausgeht und jemand als Erwachsener dahin zurückfällt oder gar in Form einer Persönlichkeitsstörung darin gefangen bleibt, besteht für seine Kinder „Sturmwarnung“. Der von Leonardo DiCaprio gespielte Trickbetrüger Frank Abagnale in „Catch Me If You Can“ (2002) ist ein überzeichnetes aber zur Veranschaulichung sehr geeignetes Beispiel eines Gedankentyp 7 mit Sturmwarnung.

Hauptkurzschluss: HD

Liste 7 HD

Gedankentyp 7 behandelt das Denken. Er kontrolliert in diesem Kurzschluss zwanghaft seine Gedanken und zwar in einer Weise, wie es ein Glücksgefühl und damit Sicherheit erzeugt – Im Familiensystem seiner Kindheit hatte er die Erfahrung gemacht, dass man sich nur dann um ihn kümmert, wenn es ihm gut geht. Daher nutzt er sein Denken im Sturmzustand auf folgende glücklichkeitsstimulierende weisen:

– Vorausplanung: Seine Gedanken sind darauf ausgerichtet, sich ein Glücklichkeits-Wohlfühlprogramm mit vielen aufregenden Höhepunkten zusammenzustellen. Das macht Gedankentyp 7 zum rastlosen Organisator für bunte, ausgefallene Gruppenaktivitäten in welchen er dann gleichzeitig die Party schmeißt und „genießt“.

– Situativ: Von Moment zu Moment richtet er seine Gedanken kontrolliert auf die Dinge, die ihm unmittelbar ein Genussgefühl geben. Buntes, lautes, schönes, aufregendes, neues. Dabei fällt Außenstehenden auf, dass seine Aufmerksamkeit ausschließlich diesem Zweck dient. Sich hingegen auf etwas konstantes, eintöniges zu konzentrieren fällt Gedankentyp 7 im Sturmzustand nicht nur schwer, sondern stresst ihn außerordentlich, da er dann seine Sicherheit bedroht fühlt (Stichwort: ADS).

-Inspiration: Um den weiteren Verlauf seines Lebens genussvoll zu erhalten ist er ständig auf der Suche nach Inspiration dafür und scannt sein Umfeld auf mögliche Quellen.

Weil ein Siebner im Sturmzustand von der Stimulation mit erfreulichen Gedanken abhängig ist, tritt er nicht nur sich selbst sondern auch gegenüber anderen als charmanter Gedankenpolizist auf. Heiterkeits-fördernde Gedanken sind gut, werden gedacht, in anderen gefördert und manchmal mit missionarischem Eifer gepredigt. Gedanken hingegen, die sich um die „langweiligeren“, ernsteren oder gar traurigeren Bereiche des Lebens drehen werden postwendend bekämpft in dem der Sturm-Siebner an ihnen beweist, dass er sie ins „positive“ zu verändern versteht.

Die Bandbreite der Auswirkungen reicht dabei von etwas anstrengenden Begegnungen, in denen man mit einstellungs-korrigierenden Erfolgsgedanken ungebeten gecoached wird, über die vielen harmlosen Bücher zum Thema „positives Denken“ bis hin zu ernsten Scharlatanerien, in denen kranke Siebner leichtgläubige Nachfolgerschaften um sich scharen und von ihrer Erfolgsideologie abhängig machen.

Sekundärer Kurzschluss: DH

 

Liste 7 DH

Gedankentyp 7 im Sturmzustand distanziert sich von den Konsequenzen seiner Handlungen, von Verantwortung. Besonders auffällig wird dies in festen Beziehungen wo es drauf ankommt füreinander in guten wie in schweren Zeiten da zu sein. Dies wird als sehr stressig empfunden und so ergreift die Sturm-7 immer dann die Flucht, wenn eine Beziehung verlässlicher zu werden droht. Was in der unteren Hochzeits-szene übertrieben dargestellt ist, geschieht in romantischen Beziehungen manchmal als buchstäbliche Flucht, in Familien eher als Flucht in die Arbeit, was nicht selten zum Workaholismus führt.

Sekundärer Kurzschluss: FF

Liste 7 FF.png

Typ 7 verstärkt Glücksgefühle und identifiziert sich damit. Auf andere geht er dadurch ganz besonders charmant und gewinnend zu. In seinem ungesunden Zustand geschieht dies allerdings nur bis zu dem Grade wie es seine Genussucht unterstützt. Seine betonte Emotionalität erhält dadurch einen auf lange Sicht auffallend egoistischen Charakter.

Die zwischenmenschliche Devise einer ungesunden Sieben lautet: flirten ja und intensiv weil es unmittelbaren Genuss bedeutet; Bindung nein, weil fremde Bedürfnisse sie in ihrem Erlebnis-Programm einschränken.

So funktioniert ein Gedankentyp 7 mit Sturmwarnung.

Warum ist das für Familien gefährlich?

Weil Kinder in ihrer Entwicklung auf Eltern angewiesen sind, die für sie da sind. Eine so funktionierende Person bewegt sich rastlos von Event zu Event und wenn sie mal physisch anwesend ist, sind ihre Gedanken schon beim nächsten Spektakel statt beim Leben der Kinder. Diese fühlen die teilnahmslose Verantwortungsflucht dieses Elternteils und werden bei seiner emotionalen Selbststimulation als Mittel zum Zweck eingespannt.

Warum ist es in Beziehungen schwierig?

Aus denselben Gründen. Zwar ist man als Erwachsener nicht in selbem Masse vom Partner abhängig, doch das gemeinsame Vorankommen hängt an der Beziehungsfähigkeit von beiden. Wie bezieht man sich als Partner auf jemanden, den man eigentlich nie „antrifft“? Auf jemanden, der auscheckt sobald Verlässlichkeit gefragt ist? Jemand dessen Emotionalität sich unter dem Strich nur ums eigene unmittelbare Genusserleben dreht? Es ist möglich. Aber es ist schwierig.

Was hilft?

Betroffenen: Systemische Beratung, Traumatherapie

Familien: Familiensystem-Therapie

Paaren: Systemische Paartherapie

Und natürlich das Lesen dieses Blogs 😉 weil das Verständnis über die Hintergründe des Musters wie eine Abrissbirne für dessen Bedrohlichkeit ist. Was aus der Perspektive eines Kindes wie ein gefährlicher Tornado wirkte, sieht man dann als das, was es wirklich ist: Ein unfruchtbarer Leerlauf. Zwischenmenschlich zwar schwierig aber nicht mehr gefährlich. Und Lösbar 🙂

Diese Beschreibung mit Hilfe des Enneagramms soll nicht bei der Diagnose von Persönlichkeitsstörungen helfen. Diese gehört in professionelle Hände. Auch gibt es bisweilen noch keinen offiziell anerkannten Schlüssel, mit welchem die Enneagrammtypen in ihren psychisch kranken Formen in die Definitionen des DSM übersetzt werden können.

Glücklicherweise ist es weder nötig noch sinnvoll, sich umfassend über Persönlichkeitsstörungen zu informieren, bevor man zur Lösung der daraus entstehenden Probleme übergehen kann. Wer sich allerdings fachlich für die Störungen interessiert, für die meiner Meinung nach das Muster 7 ein günstiger Nährboden ist, dem seien folgende Stichworte zum googeln nahe gelegt: ADHS/ADS, Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Bipolare Störung.

Sonnige Grüsse 😉


Alle in diesem Post gezeigten Clips sind Zitate aus dem Film „Catch Me If You Can“ (2002) und dienen dem alleinigen Zweck der Veranschaulichung. Das Urheberrecht des Films und des Filmplakats gehört: DreamWorks Pictures


 

Die These dahinter: wie entsteht das Muster?

Jedes Kind braucht vor allem drei Dinge: Wärme, Sicherheit und Autonomie.

Ist die Erfüllung eines dieser Grundbedürfnisse in Gefahr, ist das ein lebensbedrohliches Problem. Und wenn die verantwortlichen Personen dieses Problem nicht lösen, wird die Psyche des Kindes alles daran setzen, es mit seinen inneren Ressourcen so gut es geht anzugehen. Diese Ressourcen sind die Funktionen Denken, Handeln und Fühlen. Sie gehen dann auf „Notfall-Autopilot“ und verbünden sich zu einer Allianz gegen das Problem.

Bei Handlungstyp 7 bestand dieses Problem in mangelnder Sicherheit. Unklarheiten und gefährlich unübersichtliche Situationen prägten die frühe Erlebniswelt des Kindes.

Und seine Psyche reagierte darauf so:

Reaktion 7
Die Kontrolle über das Denken war der innere Kurzschluss mit dem dir Psyche von Gedankentyp 7 auf das Problem seiner gefährdeten Sicherheit im Familiensystem reagierte

Während sich der Lebensbereich der Sicherheit problematisch darstellte, herrschten fürs Handeln günstige Umstände. Vielleicht legten die Eltern viel Wert auf Tüchtigkeit und Leistung. Jedenfalls war das Handeln die stärkste Ressource, die der Psyche von klein 7 zur Verfügung stand. Und damit reagierte sie.

So entstand der primäre innere „Kurzschluss“ von Typ 7: HANDELN -> DENKEN, die Kontrolle übers Denken, abgekürzt mit „HD“. Mit diesem inneren Kurzschluss begegnete er dem Problem der gefährdeten Sicherheit.

Als Konsequenz dieses Hauptkurzschlusses gesellten sich zwei weitere dazu und eilten dem intervenierenden Zweck des ersten zu Hilfe: DENKEN -> HANDELN, die Verstärkung der Handlungsenergie „DH“ und FÜHLEN -> FÜHLEN, die Verstärkung des Gefühls „FF“.

Warum als Konsequenz? Weil die Erfahrung der gefährdeten Sicherheit für ein Kind lebensbedrohlich und deswegen traumatisch ist, meldet sich das Bewusstsein ab, welches im natürlichen Zustand viel Energie braucht um die Funktionen zu beobachten und untereinander harmonisch abzustimmen.

Diese Energie wird nun zur unmittelbaren Problemlösung benötigt und fließt daher in den Hauptkurzschluss. „Lieber überleben und nicht viel davon mitkriegen als Bewusst sterben“ ist die Devise dieses Not-reflexes. Die Funktionen verlieren also in diesem Zustand den Kontakt zum Bewusstsein, werden abgenabelt von der „Hauptzentrale“. Aber als einzelne Funktionen müssen sie unbedingt weiter aktiv sein damit sie der Psyche erhalten bleiben. Auch sie müssen überleben und wenn sie nicht in Bewegung bleiben, verkümmern sie. Das Gehirn funktioniert nach dem Prinzip „use it or lose it“, was bedeutet dass alles, was nicht verwendet wird, verloren geht. Also verbinden sich die Funktionen untereinander so, wie es nebst dem Hauptkurzschluss noch möglich ist und bleiben dadurch aktiv. So machen sie das Beste aus der Situation: Sie überleben nicht nur sondern machen sich auch bei der Lösung des Hauptproblems nützlich. So entstehen die „sekundären Kurzschlüsse“ – Sie sind dem ersten untergeordnet:

primär sekundär 7
Durch die sekundären Kurzschlüsse werden zwei Dinge erreicht: die Funktionen überleben weil sie aktiv bleiben und der Hauptkurzschluss wird unterstützt

Diese innere Allianz half Typ 7 das Problem der gefährdeten Autonomie erträglich zu halten und die Kindheit zu überleben. Diesem Autopiloten verdankt Gedankentyp 7 sein Leben. Man kann ein bisschen nachvollziehen, warum er seiner Psyche lieb geworden ist. Doch so nützlich und wichtig er in der Kindheit war, so problematisch wird er für das Umfeld, wenn er einen Erwachsenen noch immer beherrscht. Die nützliche Reaktion auf den Sturm von gestern wird dann zum Wind des Sturmes von heute. Der seine Kinder wiederum vor große Probleme stellt.

Sturmwarnung: Gedankentyp 7