Sturmwarnung: Gedankentyp 6

Social Network Cover

Woran erkennt man, dass ein Gedankentyp 6 psychisch „stürmt“? Man merkt es daran, wie sich innere Kurzschlüsse der Funktionen Denken, Fühlen und Handeln auf sein Verhalten auswirken. Diese Kurzschlussreaktionen bilden ein erkennbares Muster.

Wie alle neun Muster entstand es in der Kindheit als psychischer Schutzmechanismus und leistete dort fantastische Dienste. Sobald dieses Muster aber über den Kindheitsschutz hinausgeht und jemand als Erwachsener dahin zurückfällt oder gar in Form einer Persönlichkeitsstörung darin gefangen bleibt, besteht für seine Kinder „Sturmwarnung“. Der von Jesse Eisenberg gespielte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg in „The Social Network“ (2010) dient im Folgenden als Beispiel für einen Gedankentyp 6 mit Sturmwarnung.

Hauptkurzschluss: DD

Liste 6 DD

Gedankentyp 6 distanziert sich in seinem Hauptkurzschluss vom Denken. Dies erscheint auf den ersten Blick paradox, weil gerade er mehr als alle anderen in der Welt der Gedanken und Fakten zu hause zu sein scheint. Doch wie beim Gefühlstyp 3, der sich wegen seiner Distanziertheit gegenüber seiner inneren Gefühle zur Kompensation betont in der äußerlichen Gefühlswelt bewegt sind es auch beim Gedankentyp 6 nicht seine inneren, persönliche Gedanken, um die sich seine Aussagen drehen sondern äußerliche: Er spricht über Dinge und Informationen, zitiert Gesellschaftskritiker und kann sich in intensiven Erzählungen über bedeutende Wendepunkte der Menschheitsgeschichte verlieren. Doch was seine eigene Geschichte betrifft, sieht es ganz anders aus. Im Gespräch mit ihm scheint man einen Menschen ohne Vergangenheit vor sich zu haben. Von diesem Bereich – dem Bereich seiner eigenen Identität – distanziert er sich und kompensiert den Verlust dieses Identitätsgefühls durch eine äusserst aktive Schutzschicht zusammengetragener äußerlicher Gedanken. Das macht seine Ausstrahlung ungreifbar und kernlos.

Nicht nur von seiner eigenen inneren Logik sondern auch von Gedanken die von außen an ihn herangetragen werden, distanziert er sich. Er zweifelt generell an Aussagen und an der Inhaltlichen Aufrichtigkeit seines Gegenübers – besonders dann, wenn der Input ihn irgendwie persönlich betreffen könnte. Erkennbar wird dies mal durch direktes misstrauisches Hinterfragen der Beweggründe, mal durch eine passive überhebliche wie-auch-immer Haltung, in welcher er demonstrativ nicht hinhört.

Gedankentyp 6 ist derjenige, bei dem die Geschlechterunterschiede am deutlichsten sind. Der Grund dafür ist, dass Typ 6 sich mit seinem Hauptkurzschluss von seiner Identität distanziert. Und diese wird dann bei Mann und Frau unterschiedlich neu „zusammengebastelt“: Männer kompensieren den Identitätsverlust tendenziell mehr über die Handlungsebene – Konkurrenz, Arbeit, Leistungen; Frauen über die Gefühlsebene – sexuelle Anziehungskraft, „sammeln“ von Werbern, sozialer Status.

Von den nachfolgenden sekundären Kurzschlüssen tritt deswegen bei Männern eher der erste zu Tage (FH), bei Frauen eher der zweite (HF).

Sekundärer Kurzschluss: FH

Liste 6 FH

„Identität gefährdet? mir egal. und überhaupt wollen wir das in Zukunft mal sehen“ sagte die Psyche des Kindes und stürzte sich ins Handeln. Und so tut es auch der erwachsene Sechser im Sturmzustand. Er verstärkt sein Handeln und den eigenen Willen, seine Durchsetzungskraft und identifiziert sich mit seinen Errungenschaften. Er verstärkt den Konflikt- und Wettkampfgeist in dem Masse wie es für das wiederherstellen des verlorenen Selbstsicherheitsgefühls nötig ist.

Sekundärer Kurzschluss: HF

Liste 6 HF

Gedankentyp 6 mit Sturmwarnung behandelt Beziehungen und Gefühle wie Dinge. Er muss darin zwanghaft die Kontrolle innehaben, die er dominant und zum Teil skrupellos ausübt. Er passt die Beziehungen zu anderen Menschen aktiv seiner Sucht nach dem Selbstsicherheitsgefühl an und bedient sich dabei seiner Freunde als Mittel zum Zweck.

So funktioniert ein Gedankentyp 6 mit Sturmwarnung.

Warum ist das für Familien gefährlich?

Weil Kinder in ihrer Entwicklung auf Eltern angewiesen sind, die für sie da sind. Ein so funktionierender Mensch zeigt keine Identität und hält damit dem Kind die benötigten Orientierungspunkte vor. Stattdessen flüchtet er vor seinen Kindern in eine abgehobene Expertenwelt und betrachtet sie als Visitenkarten die durch besondere Leistungen seinem Selbstsicherheitsgefühl dienen sollen.

Warum ist es in Beziehungen schwierig?

Aus denselben Gründen. Zwar ist man als Erwachsener nicht in selbem Masse vom Partner abhängig, doch das gemeinsame Vorankommen hängt an der Beziehungsfähigkeit von beiden. Wie bezieht man sich als Partner auf jemanden, der seine Identität aus der Beziehung raus hält und allem und jedem misstraut? Auf jemanden, der sein Identitätsgefühl mit besonderen Leistungen aufrechterhalten muss? Jemand dessen Beziehungsbereitschaft von seiner überlegenen Position darin abhängig ist, die er zwanghaft sicherstellt? Es ist möglich. Aber es ist schwierig.

Was hilft?

Betroffenen: Systemische Beratung, Traumatherapie

Familien: Familiensystem-Therapie

Paaren: Systemische Paartherapie

Und natürlich das Lesen dieses Blogs 😉 weil das Verständnis über die Hintergründe des Musters wie eine Abrissbirne für dessen Bedrohlichkeit ist. Was aus der Perspektive eines Kindes wie ein gefährlicher Tornado wirkte, sieht man dann als das, was es wirklich ist: Ein unfruchtbarer Leerlauf. Zwischenmenschlich zwar schwierig aber nicht mehr gefährlich. Und lösbar 🙂

Diese Beschreibung mit Hilfe des Enneagramms soll nicht bei der Diagnose von Persönlichkeitsstörungen helfen. Diese gehört in professionelle Hände. Auch gibt es bisweilen noch keinen offiziell anerkannten Schlüssel, mit welchem die Enneagrammtypen in ihren psychisch kranken Formen in die Definitionen des DSM übersetzt werden können.

Glücklicherweise ist es weder nötig noch sinnvoll, sich umfassend über Persönlichkeitsstörungen zu informieren, bevor man zur Lösung der daraus entstehenden Probleme übergehen kann. Wer sich allerdings fachlich für die Störungen interessiert, für die meiner Meinung nach das Muster 6 ein günstiger Nährboden ist, dem seien folgende Stichworte zum googeln nahe gelegt: Asperger Syndrom, Schizoaffektive Störung, Paranoide Persönlichkeitsstörung, Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Autismus.

Sonnige Grüsse 😉


 

Alle in diesem Post gezeigten Clips sind Zitate aus dem Film „The Social Network“ (2010) und dienen dem alleinigen Zweck der Veranschaulichung. Das Urheberrecht des Films und des Filmplakats gehört: Columbia Pictures


 

Die These dahinter: wie entsteht das Muster?

Jedes Kind braucht vor allem drei Dinge: Wärme, Sicherheit und Autonomie.

Ist die Erfüllung eines dieser Grundbedürfnisse in Gefahr, ist das ein lebensbedrohliches Problem. Und wenn die verantwortlichen Personen dieses Problem nicht lösen, wird die Psyche des Kindes alles daran setzen, es mit seinen inneren Ressourcen so gut es geht anzugehen. Diese Ressourcen sind die Funktionen Denken, Handeln und Fühlen. Sie gehen dann auf „Notfall-Autopilot“ und verbünden sich zu einer Allianz gegen das Problem.

Bei Handlungstyp 6 bestand dieses Problem in mangelnder Sicherheit. Unklarheiten und gefährlich unübersichtliche Situationen prägten die frühe Erlebniswelt des Kindes.

Und seine Psyche reagierte darauf so:

Reaktion 6
Die Distanzierung vom Denken war der innere Kurzschluss mit dem die Psyche von Gedankentyp 6 auf das Problem seiner gefährdeten Sicherheit im Familiensystem reagierte

Als Kind befand sich Gedankentyp 6 in der Situation dass sich der Lebensbereich der Sicherheit problematisch darstellte und gleichzeitig für sein eigenes Denken günstige Bedingungen herrschten. Vielleicht hatte es ältere Geschwister die diese Umstände schufen, vielleicht war seine Mentale Energie durch Veranlagung besonders ausgeprägt. Jedenfalls war das Denken die stärkste Ressource, die der Psyche von klein 6 zur Verfügung stand. Und damit reagierte sie.

So entstand der primäre innere „Kurzschluss“ von Typ 6: DENKEN -> DENKEN, die Distanzierung vom Denken, abgekürzt mit „DD“. Mit diesem dissoziativen inneren Kurzschluss begegnete er dem Problem der gefährdeten Sicherheit.

Als Konsequenz dieses Hauptkurzschlusses gesellten sich zwei weitere dazu und eilten dem intervenierenden Zweck des ersten zu Hilfe: FÜHLEN -> HANDELN, die Verstärkung der Handlungsenergie „FH“ und HANDELN -> FÜHLEN, die Kontrolle über das Gefühl „HF“.

Warum als Konsequenz? Weil die Erfahrung der gefährdeten Sicherheit für ein Kind lebensbedrohlich und deswegen traumatisch ist, meldet sich das Bewusstsein ab, welches im natürlichen Zustand viel Energie braucht um die Funktionen zu beobachten und untereinander harmonisch abzustimmen.

Diese Energie wird nun zur unmittelbaren Problemlösung benötigt und fließt daher in den Hauptkurzschluss. „Lieber überleben und nicht viel davon mitkriegen als Bewusst sterben“ ist die Devise dieses Not-reflexes. Die Funktionen verlieren also in diesem Zustand den Kontakt zum Bewusstsein, werden abgenabelt von der „Hauptzentrale“. Aber als einzelne Funktionen müssen sie unbedingt weiter aktiv sein damit sie der Psyche erhalten bleiben. Auch sie müssen überleben und wenn sie nicht in Bewegung bleiben, verkümmern sie. Das Gehirn funktioniert nach dem Prinzip „use it or lose it“, was bedeutet dass alles, was nicht verwendet wird, verloren geht. Also verbinden sich die Funktionen untereinander so, wie es nebst dem Hauptkurzschluss noch möglich ist und bleiben dadurch aktiv. So machen sie das Beste aus der Situation: Sie überleben nicht nur sondern machen sich auch bei der Lösung des Hauptproblems nützlich. So entstehen die „sekundären Kurzschlüsse“ – Sie sind dem ersten untergeordnet:

primär sekundär 6
Durch die sekundären Kurzschlüsse werden zwei Dinge erreicht: Die Funktionen überleben weil sie aktiv bleiben und der Hauptkurzschluss wird unterstützt

Diese innere Allianz half Typ 6 das Problem der gefährdeten Autonomie erträglich zu halten und die Kindheit zu überleben. Diesem Autopiloten verdankt Gedankentyp 6 sein Leben. Man kann ein bisschen nachvollziehen, warum er seiner Psyche lieb geworden ist. Doch so nützlich und wichtig er in der Kindheit war, so problematisch wird er für das Umfeld, wenn er einen Erwachsenen noch immer beherrscht. Die nützliche Reaktion auf den Sturm von gestern wird dann zum Wind des Sturmes von heute. Der seine Kinder wiederum vor große Probleme stellt.

 

 

Sturmwarnung: Gedankentyp 6

2 Gedanken zu “Sturmwarnung: Gedankentyp 6

  1. Dr.. Brigitte Ranft schreibt:

    Die Beschreibungen sind richtig – was ist denn erwünscht? Die erwähnten Menschen haben ja Auswege gefunden, sind aber mit diesen nicht glücklich. Möglichkeit 1: Die Zusammenhänge klar machen, aber zu besseren Lösungen kommen. Möglichkeit 2: Versuchen, die Voraussetzungen für das Verhalten zu ändern. Welche Möglichkeit man wählt, hängt von dem jeweiligen Menschen ab.
    Therapieform: Gesprächstherapie:

    Gefällt mir

  2. Dr.. Brigitte Ranft schreibt:

    Die betroffenen Menschen haben ein Problem darin, ungeliebte Dinge zu verarbeiten. deshalb reagieren sie verletzend gegenüber anderen.. Man kann dem entgegenwirken, indem man den Betroffenen klar macht, welche guten Seiten sie haben und -was ganz wichtig ist, dass auch die weniger guten Seiten zu ihnen gehören und eventuell sogar liebenswert ausgestaltet werden können.. Das ist die Überschrift der Einstellung: „Glaub an Dich,,denn du bist in Ordnung“.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s