Sturmwarnung: Gedankentyp 5

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Woran erkennt man, dass ein Gedankentyp 5 psychisch „stürmt“? Man merkt es daran, wie sich innere Kurzschlüsse der Funktionen Denken, Fühlen und Handeln auf sein Verhalten auswirken. Diese Kurzschlussreaktionen bilden ein erkennbares Muster.

Wie alle neun Muster entstand es in der Kindheit als psychischer Schutzmechanismus und leistete dort fantastische Dienste. Sobald dieses Muster aber über den Kindheitsschutz hinausgeht und jemand als Erwachsener dahin zurückfällt oder gar in Form einer Persönlichkeitsstörung darin gefangen bleibt, besteht für seine Kinder „Sturmwarnung“. Als Beispiel eines Typ 5 mit Sturmwarnung dient nun der Hauptcharakter Humbert in „Lolita“ (1997), gespielt von Jeremy Irons.

Hauptkurzschluss: FD

Liste 5 FD

Gedankentyp 5 im Sturmzustand flüchtet in den Kopf. Er verstärkt das Denken, distanziert sich und blickt in seiner Einbildung „von außen“ auf das Geschehen. Aus dieser Position sammelt er Informationen die er wenn möglich sofort, oder wenn nötig später, verarbeitet. Obwohl er noch da ist, man emotional und auf der Handlungsebene noch etwas von ihm mitkriegt, ist das nichts, was mit ihm zu tun hat. Während seine Seele stumm im Kopf sitzt, laufen Handeln und Fühlen auf Autopilot. Mit seinem Fühlen – Denken Kurzschluss verstärkt er die Distanziertheit. Er verstärkt seine Fähigkeit, logische Zusammenhänge zu erkennen, Schlüsse zu ziehen und mental Ordnung ins Chaos zu bringen – Etwas, was in seiner Kindheit überlebenswichtig war.

So lebt ein Gedankentyp 5 mit Sturmwarnung ständig in der Rückblende und lässt die Realität lethargisch an sich vorbeiziehen. Seiner Lebensführung mangelt die eigene Führung und seine einzige Perspektive scheint die Retrospektive zu sein. Opportunistisch holt er aus dem, was andere für ihn entscheiden das heraus, was ihm dient ohne dabei eine Rolle zu spielen.

Die unteren Szenen veranschaulichen diese distanzierte Lebenshaltung. Humbert wird von seiner Vermieterin informiert, dass sie ihn heiraten will und dass sein Bleiben seine Zustimmung bedeutet. Da er sich heimlich für ihre Tochter interessiert, bleibt er und heiratet. Seine wahren Gedanken und Gefühle seiner neuen Frau gegenüber schreibt er auf und versteckt sie in seinem Schreibtisch. Als sie den Schlüssel findet, fliegt sein zwischenmenschliches Doppelleben auf. Dieses Fluchtverhalten in eine innere geheime Gedankenwelt ist bezeichnend für einen Gedankentyp 5 mit Sturmwarnung.

Sekundärer Kurzschluss: DF

Liste 5 DF

Um den Hauptkurzschluss aufrecht zu erhalten – um in seiner ordnenden, versteckten Gedankenwelt nicht gestört zu werden – distanziert sich Humbert von den Gefühlen. Das heißt nicht, dass er zwangsläufig Gefühllos wirkt. Aber seine Gefühle haben im Sturmzustand nichts mit ihm als Person und seinen Werten zu tun. Er versteckt sich hinter einer charakterlosen, dauer-mitschwingenden Maske. Dadurch macht er sich zu einer emotionalen Marionette, die wegen ihrer Gefühlsdistanziertheit nicht mitzukriegen scheint, wenn man Spiele mit ihr treibt. Auf Gefühlsebene ist Gedankentyp 5 im Sturmzustand das Fähnchen im Wind der Stürme anderer. Und „überlebt“ emotional von dem was er dabei zufällig kriegen kann. Sichtbar wird das durch eine hündische Abhängigkeit die sich im Extremfall zur Besessenheit entwickelt.

Sekundärer Kurzschluss: HH

Liste 5 HH

Humbert Kontrolliert das Handeln und die Bedürfnisse. Und weil dieser Kurzschluss der distanzierten Lebenshaltung dient, äußert er sich in hauptsächlich in passiven Formen und ist meistens nach innen gerichtet: Er passt seine eigenen Bedürfnisse dem an, was zu den äußeren Umständen passt und was ihm auf lange Sicht ermöglicht, auch irgendwie auf die Rechnung zu kommen. Er „Lügt mit dem Bauch“ wenn er auf fremde Wünsche eingeht und dabei so tut, als seien das auch die eigenen. Dies kommt in kleinen Schmeicheleien zum Ausdruck aber auch in dramatischeren Momenten, in denen er fähig ist, seinen Willen und die eigene Wut in Sekundenschnelle den äußeren Umständen anzupassen.

So funktioniert ein Gedankentyp 5 mit Sturmwarnung.

Warum ist das für Familien gefährlich?

Weil Kinder in ihrer Entwicklung auf Eltern angewiesen sind, die für sie da sind. Eine so funktionierende Person lebt dissoziiert von den Kindern. Sie mag in der Theorie viele Ideen haben und klare Vorstellungen von einer „guten Erziehung“. Aber für sie emotional da zu sein, und ihre Autonomie zu fördern ist ihr unmöglich. Stattdessen macht sie sich emotional von den Kindern abhängig und erwartet von ihnen, ihr die Sicherheit zu geben, die sie bei den eigenen Eltern vermisste. So kehrt sie die Fürsorge-Hierarchie um und schadet damit der Psyche der Kinder.

Warum ist es in Beziehungen schwierig?

Aus denselben Gründen. Zwar ist man als Erwachsener nicht in selbem Masse vom Partner abhängig, doch das gemeinsame Vorankommen hängt an der Beziehungsfähigkeit von beiden. Wie bezieht man sich als Partner auf jemanden, der in einer verschlossenen, mentalen Geheimwelt lebt? Auf jemanden, der sich immer emotional ausklinkt und sich abhängig macht? Jemand, dessen Bedürfnisse nicht die eigenen sind sondern sich wie eine automatisierte Kriegstaktik chamäleonartig dem Umfeld anpassen? Es ist möglich. Aber es ist schwierig.

Was hilft?

Betroffenen: Systemische Beratung, Traumatherapie

Familien: Familiensystem-Therapie

Paaren: Systemische Paartherapie

Und natürlich das Lesen dieses Blogs 😉 weil das Verständnis über die Hintergründe des Musters wie eine Abrissbirne für dessen Bedrohlichkeit ist. Was aus der Perspektive eines Kindes wie ein gefährlicher Tornado wirkte, sieht man dann als das, was es wirklich ist: Ein unfruchtbarer Leerlauf. Zwischenmenschlich zwar schwierig aber nicht mehr gefährlich. Und lösbar 🙂

Diese Beschreibung mit Hilfe des Enneagramms soll nicht bei der Diagnose von Persönlichkeitsstörungen helfen. Diese gehört in professionelle Hände. Auch gibt es bisweilen noch keinen offiziell anerkannten Schlüssel, mit welchem die Enneagrammtypen in ihren psychisch kranken Formen in die Definitionen des DSM übersetzt werden können.

Glücklicherweise ist es weder nötig noch sinnvoll, sich umfassend über Persönlichkeitsstörungen zu informieren, bevor man zur Lösung der daraus entstehenden Probleme übergehen kann. Wer sich allerdings fachlich für die Störungen interessiert, für die meiner Meinung nach das Muster 5 ein günstiger Nährboden ist, dem seien folgende Stichworte zum googeln nahe gelegt: Dependente Persönlichkeitsstörung, Kodependenz, Schizoide Persönlichkeitsstörung, Ängstlich-Vermeidende Persönlichkeitsstörung, Autismus.

Sonnige Grüsse 😉


Alle in diesem Post gezeigten Clips sind Zitate aus dem Film „Lolita“ (1997) und dienen dem alleinigen Zweck der Veranschaulichung. Das Urheberrecht des Films und des Filmplakats gehört: Pathé, The Samuel Goldwyn Company


Die These dahinter: wie entsteht das Muster?

Jedes Kind braucht vor allem drei Dinge: Wärme, Sicherheit und Autonomie.

Ist die Erfüllung eines dieser Grundbedürfnisse in Gefahr, ist das ein lebensbedrohliches Problem. Und wenn die verantwortlichen Personen dieses Problem nicht lösen, wird die Psyche des Kindes alles daran setzen, es mit seinen inneren Ressourcen so gut es geht anzugehen. Diese Ressourcen sind die Funktionen Denken, Handeln und Fühlen. Sie gehen dann auf „Notfall-Autopilot“ und verbünden sich zu einer Allianz gegen das Problem.

Bei Handlungstyp 5 bestand dieses Problem in mangelnder Sicherheit. Unklarheiten und gefährlich unübersichtliche Situationen prägten die frühe Erlebniswelt des Kindes.

Und seine Psyche reagierte darauf so:

Reaktion 5
Die Verstärkung des Denkens war der innere Kurzschluss mit dem die Psyche von Gedankentyp 5 auf das Problem seiner gefährdeten Sicherheit im Familiensystem reagierte

Während sich der Lebensbereich der Sicherheit problematisch darstellte, herrschten fürs Fühlen günstige Umstände. Vielleicht legten seine Eltern viel Wert auf Nähe und Wärme. Jedenfalls war das Gefühl die stärkste Ressource, die der Psyche von klein 5 zur Verfügung stand. Und damit reagierte sie.

So entstand der primäre innere „Kurzschluss“ von Typ 5: FÜHLEN -> DENKEN, die Verstärkung von seiner Mentalen Energie, abgekürzt mit „FD“. Mit diesem inneren Kurzschluss begegnete er dem Problem der gefährdeten Sicherheit.

Als Konsequenz dieses Hauptkurzschlusses gesellten sich zwei weitere dazu und eilten dem intervenierenden Zweck des ersten zu Hilfe: DENKEN -> FÜHLEN, die Distanzierung vom Gefühl „DF“ und HANDELN -> HANDELN, die Kontrolle der Bauchenergie „HH“.

Warum als Konsequenz? Weil die Erfahrung der gefährdeten Sicherheit für ein Kind lebensbedrohlich und deswegen traumatisch ist, meldet sich das Bewusstsein ab, welches im natürlichen Zustand viel Energie braucht um die Funktionen zu beobachten und untereinander harmonisch abzustimmen.

Diese Energie wird nun zur unmittelbaren Problemlösung benötigt und fließt daher in den Hauptkurzschluss. „Lieber überleben und nicht viel davon mitkriegen als Bewusst sterben“ ist die Devise dieses Not-reflexes. Die Funktionen verlieren also in diesem Zustand den Kontakt zum Bewusstsein, werden abgenabelt von der „Hauptzentrale“. Aber als einzelne Funktionen müssen sie unbedingt weiter aktiv sein damit sie der Psyche erhalten bleiben. Auch sie müssen überleben und wenn sie nicht in Bewegung bleiben, verkümmern sie. Das Gehirn funktioniert nach dem Prinzip „use it or lose it“, was bedeutet dass alles, was nicht verwendet wird, verloren geht. Also verbinden sich die Funktionen untereinander so, wie es nebst dem Hauptkurzschluss noch möglich ist und bleiben dadurch aktiv. So machen sie das Beste aus der Situation: Sie überleben nicht nur sondern machen sich auch bei der Lösung des Hauptproblems nützlich. So entstehen die „sekundären Kurzschlüsse“ – Sie sind dem ersten untergeordnet:

primär sekundär 5
Durch die sekundären Kurzschlüsse werden zwei Dinge erreicht: Die Funktionen überleben weil sie aktiv bleiben und der Hauptkurzschluss wird unterstützt

Diese innere Allianz half Typ 5 das Problem der gefährdeten Autonomie erträglich zu halten und die Kindheit zu überleben. Diesem Autopiloten verdankt Gedankentyp 5 sein Leben. Man kann ein bisschen nachvollziehen, warum er seiner Psyche lieb geworden ist. Doch so nützlich und wichtig er in der Kindheit war, so problematisch wird er für das Umfeld, wenn er einen Erwachsenen noch immer beherrscht. Die nützliche Reaktion auf den Sturm von gestern wird dann zum Wind des Sturmes von heute. Der seine Kinder wiederum vor große Probleme stellt.

Sturmwarnung: Gedankentyp 5

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