Sturmwarnung: Gefühlstyp 3

American_Beauty_poster

Woran erkennt man, dass ein Gefühlstyp 3 psychisch „stürmt“? Man merkt es daran, wie sich innere Kurzschlüsse der Funktionen Denken, Fühlen und Handeln auf sein Verhalten auswirken. Diese Kurzschlussreaktionen bilden ein erkennbares Muster.

Wie alle neun Muster entstand es in der Kindheit als psychischer Schutzmechanismus und leistete dort fantastische Dienste. Sobald dieses Muster aber über den Kindheitsschutz hinausgeht und jemand als Erwachsener dahin zurückfällt oder gar in Form einer Persönlichkeitsstörung darin gefangen bleibt, besteht für seine Kinder „Sturmwarnung“. Als Beispiel eines Gefühlstyps 3 mit Sturmwarnung soll im Folgenden die von Annette Bening gespielte Carolyn Burnham im Film „American Beauty“ (1999) dienen.

Hauptkurzschluss: DF

Liste 3 DF

Gefühlstyp 3 im Sturmzustand wirkt paradox: Einerseits gibt er sich äußerlich ganz besonders Gefühlvoll. Andererseits ist er einem persönlichen emotionalen Mitschwingen mit anderen Menschen gegenüber sehr distanziert. In seiner Gegenwart fühlt man sich nicht gesehen und kann auch ihn nicht sehen. Das liegt an seinem Hauptkurzschluss, daran, dass er sich aus Selbstschutz vor seinen eigenen und fremden tiefen Emotionen distanziert. Alles was man in diesem Zustand von ihm sieht, ist eine karrikaturartige, stets Erfolg ausstrahlende Maske. So lange man mit dieser Maske mitgeht, und so tut als erkenne man die Täuschung nicht, bewegt man sich im grünen Bereich. Sobald man wagt, Menschlichkeit zu zeigen oder sie gar zu erwarten, hat man ein Problem.

In der unteren Szene „tröstet“ Carolyn ihre Tochter die sich gerade von einem lautstarken Elternstreit zurückgezogen hat. Als diese aber nicht mitmacht, mit dem du-bist-eine fantastische-Mutter Programm, ist es vorbei mit der aufgesetzten „Empathie“ und Tochter soll nun Mutter trösten.

Der Selbstschutz der durch die Distanzierung von den Gefühlen erreicht wird, hat einen hohen Preis: Das Selbstgefühl. Um diesen Verlust auszugleichen verschafft sich Typ 3 durch die verbleibenden Funktionen Denken und Handeln ein künstliches Erfolgsgefühl. Dieser emotionale Selbstbetrug wird zur Sucht, deren Befriedigung die anderen Kurzschlüsse dienen.

Sekundärer Kurzschluss: FD

Liste 3 FD

Carolyn verstärkt das denken und identifiziert sich damit. Und weil dieser Kurzschluss dazu dient, sich selbst ein Erfolgsgefühl zu verschaffen, entstehen daraus tausende wegweisender „Siegergedanken“, Rezepte zum sicheren Erfolg, die sie zwanghaft sowohl ihrem Umfeld wie auch sich selbst immer und immer wieder glaubhaft zu machen versucht. Typ 3 mit Sturmwarnung liebt Erfolgsmantras.

Sekundärer Kurzschluss: HH

Liste 3 HH

Der zweite Kurzschluss, welcher der Suchtbefriedigung dient: Carolyn kontrolliert die Handlungsebene. Ihre eigenen Taten und die der anderen sind für sie etwas, was es stets dem Ziel – dem maximalen gefühlten Erfolg – anzupassen gilt.

So funktioniert ein Gefühlstyp 3 mit Sturmwarnung.

Warum ist das für Familien gefährlich?

Weil Kinder in ihrer Entwicklung auf Eltern angewiesen sind, die da sind. Eine so funktionierende Person ist gefühlsmäßig dissoziiert von den Kindern. Statt für sie emotional da zu sein, stellt sie unerfüllbar hohe Ansprüche an ihren äußerlichen Erfolg und gefährdet durch ihre Kontrollsucht die Entwicklung einer gesunden Autonomie der Kinder.

Warum ist es in Beziehungen schwierig?

Aus denselben Gründen. Zwar ist man als Erwachsener nicht in selbem Masse vom Partner abhängig, doch das gemeinsame Vorankommen hängt an der Beziehungsfähigkeit von beiden. Wie bezieht man sich als Partner auf jemanden, dessen Gefühlswelt verschlossen ist? Auf jemanden, der davon abhängig ist, andere permanent in absurden Erfolgsrezepten zu unterweisen und ihr Verhalten zu kontrollieren? Es ist möglich. Aber es ist schwierig.

Was hilft?

Betroffenen: Systemische Beratung, Traumatherapie

Familien: Familiensystem-Therapie

Paaren: Systemische Paartherapie

Und natürlich das Lesen dieses Blogs 😉 weil das Verständnis über die Hintergründe des Musters wie eine Abrissbirne für dessen Bedrohlichkeit ist. Was aus der Perspektive eines Kindes wie ein gefährlicher Tornado wirkte, sieht man dann als das, was es wirklich ist: Ein unfruchtbarer Leerlauf. Zwischenmenschlich zwar schwierig aber nicht mehr gefährlich. Und lösbar 🙂

Diese Beschreibung mit Hilfe des Enneagramms soll nicht bei der Diagnose von Persönlichkeitsstörungen helfen. Diese gehört in professionelle Hände. Auch gibt es bisweilen noch keinen offiziell anerkannten Schlüssel, mit welchem die Enneagrammtypen in ihren psychisch kranken Formen in die Definitionen des DSM übersetzt werden können.

Glücklicherweise ist es weder nötig noch sinnvoll, sich umfassend über Persönlichkeitsstörungen zu informieren, bevor man zur Lösung der daraus entstehenden Probleme übergehen kann. Wer sich allerdings fachlich für die Störungen interessiert, für die meiner Meinung nach das Muster 3 ein günstiger Nährboden ist, dem seien folgende Stichworte zum googeln nahe gelegt: Narzisstische Persönlichkeitsstörung, Dissoziative Identitätsstörung, Histrionische Persönlichkeitsstörung.

Sonnige Grüsse 😉


Alle in diesem Post gezeigten Clips sind Zitate aus dem Film „American Beauty“ (1999) und dienen dem alleinigen Zweck der Veranschaulichung. Das Urheberrecht des Films und des Filmplakats gehört: DreamWorks Pictures


 

Die These dahinter: wie entsteht das Muster?

Jedes Kind braucht vor allem drei Dinge: Wärme, Sicherheit und Autonomie.

Ist die Erfüllung eines dieser Grundbedürfnisse in Gefahr, ist das ein lebensbedrohliches Problem. Und wenn die verantwortlichen Personen dieses Problem nicht lösen, wird die Psyche des Kindes alles daran setzen, es mit seinen inneren Ressourcen so gut es geht anzugehen. Diese Ressourcen sind die Funktionen Denken, Handeln und Fühlen. Sie gehen dann auf „Notfall-Autopilot“ und verbünden sich zu einer Allianz gegen das Problem.

Bei Gefühlstyp 3 bestand dieses Problem in einer mangelhaften Versorgung mit Wärme. Zwischenmenschliche Unsicherheit, in welcher die persönliche Zuwendung nicht verlässlich war prägte die frühe Erlebniswelt des Kindes.

Und seine Psyche reagierte darauf so:

Reaktion 3
Die Distanzierung vom Gefühl war der innere Kurzschluss mit dem die Psyche von Gefühlstyp 3 auf das Problem seiner gefährdeten Verorgung mit Wärme reagierte

Während sich der Lebensbereich der Wärme problematisch darstellte, herrschten fürs denken günstige Umstände. Vielleicht legten die Eltern viel Wert auf Erkenntnis und Sicherheit. Jedenfalls war das denken die stärkste Ressource, die der Psyche von klein 3 zur Verfügung stand. Und damit reagierte sie.

So entstand der primäre innere „Kurzschluss“ von Typ 3: DENKEN -> FÜHLEN, die Distanzierung von seinen Gefühlen, abgekürzt mit „DF“. Mit diesem dissoziativen inneren Kurzschluss begegnete er dem Problem der gefährdeten Wärme.

Als Konsequenz dieses Hauptkurzschlusses gesellten sich zwei weitere dazu und eilten dem intervenierenden Zweck des ersten zu Hilfe: FÜHLEN -> DENKEN, die Verstärkung des Denkens „FD“ und HANDELN -> HANDELN, die Kontrolle übers Handeln „HH“.

Warum als Konsequenz? Weil die Erfahrung der gefährdeten Wärme für ein Kind lebensbedrohlich und deswegen traumatisch ist, meldet sich das Bewusstsein ab, welches im natürlichen Zustand viel Energie braucht um die Funktionen zu beobachten und untereinander harmonisch abzustimmen.

Diese Energie wird nun zur unmittelbaren Problemlösung benötigt und fließt daher in den Hauptkurzschluss. „Lieber überleben und nicht viel davon mitkriegen als Bewusst sterben“ ist die Devise dieses Not-reflexes. Die Funktionen verlieren also in diesem Zustand den Kontakt zum Bewusstsein, werden abgenabelt von der „Hauptzentrale“. Aber als einzelne Funktionen müssen sie unbedingt weiter aktiv sein damit sie der Psyche erhalten bleiben. Auch sie müssen überleben und wenn sie nicht in Bewegung bleiben, verkümmern sie. Das Gehirn funktioniert nach dem Prinzip „use it or lose it“, was bedeutet dass alles, was nicht verwendet wird, verloren geht. Also verbinden sich die Funktionen untereinander so, wie es nebst dem Hauptkurzschluss noch möglich ist und bleiben dadurch aktiv. So machen sie das Beste aus der Situation: Sie überleben nicht nur sondern machen sich auch bei der Lösung des Hauptproblems nützlich. So entstehen die „sekundären Kurzschlüsse“ – Sie sind dem ersten untergeordnet:

 

primär sekundär 3
Durch die sekundären Kurzschlüsse werde zwei Dinge erreicht: Die Funktionen überleben weil sie aktiv bleiben und der Hauptkurzschluss wird unterstützt

Diese innere Allianz half Typ 3 das Problem der gefährdeten Wärme erträglich zu halten und die Kindheit zu überleben. Diesem Autopiloten verdankt Gefühlstyp 3 sein Leben. Man kann ein bisschen nachvollziehen, warum er seiner Psyche lieb geworden ist. Doch so nützlich und wichtig er in der Kindheit war, so problematisch wird er für das Umfeld, wenn er einen Erwachsenen noch immer beherrscht. Die nützliche Reaktion auf den Sturm von gestern wird dann zum Wind des Sturmes von heute. Der seine Kinder wiederum vor große Probleme stellt.

Sturmwarnung: Gefühlstyp 3

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